Hike & Fly Fluebrig 18.10.2014

Wieso tut man sich sowas an?

Man steht früh am Morgen auf, reist mit dem Zug in eine Region, in der man bisher noch nie wirklich war um sich 1'200 Höhenmeter hochzukämpfen. Und das zusätzlich noch mit einigen Kilos Gepäck auf dem Rücken.

Wieso tut man sich denn sowas an?

Man kämpft seinen Körper Schritt für Schritt in die Höhe. Im Schatten. Aber immer etwa 5 - 10 Meter entfernt von der wärmenden Sonne. Durch taunasses Gras, über feuchte Erde und entlang abgeschabter Wegzeichen auf grösseren Steinen, die vermutlich alle einmal Weiss-Rot-Weiss glänzten. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen immer wieder Menschengruppen von Hinten mit einem unglaublichen Tempo und überholen mich mit einem Gruss, der bei mir irgendwo zwischen routinierter Freundlichkeit, Ärger über das Versperren des Weges und einem aufmunternden "auch Du kommst noch an die Sonne" ankommt. Egal, sage ich mir und gehe weiter. Schritt für Schritt. Meter für Meter. Zwischendrin nehme ich mir Zeit, um eine wunderbare Kompositionen wie "Taugrün auf Schlammbraun" fotografisch festzuhalten oder um die Perspektive auf das gegenüberliegende Felsband zu überprüfen. Alles natürlich nur aus rein künstlerischen Ambitionen und nicht etwa weil die Beine schon schlapp machen würden oder gar das ganze Unternehmen in Frage gestellt würde...! Nein - Niemals!

Wieso tut man sich also sowas an?

Also ganz bestimmt nicht, weil man gerne seine Schuhe bewegt. Oder weil man Wanderweg-Markierungen sammelt. Und schon gar nicht, weil man ebenso gut mit einem Bähnchen in die Höhe fahren könnte. 

A propos Bähnchen: Da für dieses Wochenende absolutes Kaiserwetter angesagt ist und der Herbst alles versuchen wird, den Ruf des Jahres 2014 noch zu retten, werden die vorhin angesprochenen Bähnchen wohl allesamt gut bis sehr gut gefüllt ihre Reise über die Nebelgrenze antreten. Lange Schlangen an den Stationen und entsprechende Wartezeiten dürften da nur der Anfang dessen sein, was sich dann anschliessend rund um die Bergstationen fortsetzt. Der darauf folgende Montag wird dann von 20 Minuten Zentralschweiz begrüsst mit "Spitzenwochenende für Bergbahnen der Region". Und "Die Bergbahnen jubilieren dank des schönen Wetters: Sie verzeichneten am Wochenende so viele Passagiere, dass teilweise von einem Besucherrekord die Rede ist."



Also allesamt keine guten Aussichten, um Fotos von unberührter Natur in goldenem Herbstlicht einzufangen. Es würden immer irgendwelche andere Sonnensucher durchs Bild watscheln oder sie würden mir die Konzentration rauben indem im Hintergrund immer so Floskeln herausstechen wie "Gäll, es hät sich scho g'loont da ufe z' choo". Und am Ende würden diese Leute einem auch noch die ganze getankte Energie wieder rauben indem sie auf meinen Füssen stehend im Bähnli die Nebelgrenze des folgenden Tages beratschlagen.

Wieso tut man sich also sowas wirklich an?

Weil ich etwas Neues ausprobieren möchte. Weil ich auf diese Weise die Natur selber spüren kann. Weil ich so an einem Samstag, an dem die halbe Schweiz dem Nebel zu entfliehen versucht, trotzdem ohne Platzangst in die Berge kann. Weil die Freude über das Erreichen des Gipfels und die Aussicht von dort oben viel mehr Wert ist als alle Schweissperlen und Kämpfe während des Aufstiegs. Weil ich denke, dass ich so wunderbare, authentische Bilder mit meiner Kamera einfangen kann: Das Gleiten der Sonnenstrahlen über die steilen Bergflanken - das Tanzen der Kondensstreifen am dunkelblauen Himmel - das Spiel der Linien, geschaffen von der Natur und meinem Standort. Und vor allem weil die ganze Zeit die Gewissheit mitgeht, dass ich nicht mehr hinunterlaufen muss.

Auch wenn ich nicht gleichzeitig mit meinen beiden Hike&Fly-Kameraden auf dem Gipfel des Flübrig angekommen bin, bin ich stolz auf meine Leistung. Auch wenn ich zwischendurch mit dem Gedanken gespielt habe, die letzten 200 Höhenmeter auszulassen und weiter unten zu starten bin ich froh, dass ich mich durch die letzte Kletterpartie gekämpft habe und das Rundpanorama in mich aufsaugen konnte. Auch wenn meine Zeit zuoberst nicht sehr lange währte - ich habe sie genossen.

Und dann der Moment: Der Schirm steigt hinter mir in die Höhe. Ein kurzer Kontrollblick. Alles OK. Losrennen. Abheben. Ab in die Lüfte. Nach dem ganzen Hochkämpfen hat es ein bisschen die Magie meines allerersten Höhenfluges. Aber schon bald kommt das "normale" Fluggefühl zurück. Doch der ITV, den ich von Urs ausgeliehen bekam, reagiert anders als mein Nova. Da mich Urs gründlich gebrieft hat über die Flugeigenschaften ("Der Schirm ist es sich nicht gewohnt, mit einem Notschirm geflogen zu werden"), kann ich ihn schnell sehr präzise steuern. Mir war von Anfang an klar, dass ich keinen mehrstündigen Thermikflug machen würde - und trotzdem geniesse ich jede Minute als ob es einer wäre.

Roli Herzog zeigt mir dann auch sehr schön, wo ich landen könnte währenddem ich am Himmel den Flug von Urs Nadler verfolge. Aufgedreht hat er noch am Flübrig. Und eine grössere Platzrunde geflogen ist er dann auch noch. So, wie wenn nicht Mitte Oktober wäre. Egal - wir alle hatten eine gute Zeit: Wir drei zusammen und ich alleine in meinem Kampf gegen meine Büromuskulatur und für ein paar tolle Fotos. 

Danke!
Jürg

Für solche Momente tut man sich sowas an...!



 


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